Fernbeziehung Tipps gegen Sehnsucht

Belastungen und Chancen von Fernbeziehungen

Was früher für viele undenkbar war, ist heute in vielen Partnerschaften Normalität. Nicht nur Seefahrer, Fernfahrer, Piloten usw., sondern viele Akademiker erleben vom Partner räumlich getrennte Zeiten. In der Paartherapie nimmt der Beratungsbedarf diesbezüglich jährlich zu.

In Deutschland wird davon gesprochen, dass rund jede achte Beziehung eine Fernbeziehung ist. Laut Statistiken brechen Fernbeziehungen spätestens nach 3 Jahren auseinander.

Immer wieder tauchen ähnliche Klagen von Menschen in Fernbeziehungen auf. Zwar ist jedes Paar individuell und gestaltet auch die Fernbeziehung anders als andere Paare, doch verdichten sich Streitpunkte und Belastungen bei allen Paaren an ähnlichen Punkten.

Häufig beginnt in Fernbeziehungen einer der beiden, die Situation unerträglich zu finden.

Statt zu jammern und den anderen zu bitten, Job und Umfeld aufzugeben ist die Annahme der Situation entlastend.

Häufige Klagen von Paaren in Fernbeziehungen

Geld

Über Geld streiten viele Paare, aber in Fernbeziehungen hat das meist eine besondere Note. Immerhin kosten auch die Reisen viel Geld.

Häufig wird ist auch am Wochenende das Leben teuer, denn man möchte schließlich besondere Dinge machen. Häufig schleicht es sich ein, dass der Lebensmittelpunkt als Paar mehr bei dem einen ist. Dieser bereitet vor, denkt sich Unternehmungen aus, bucht diese vielleicht schon und kauft meist auch ein, damit die gemeinsame Zeit möglichst unbelastet von solchen banalen Dingen sein kann. So wird es auch mehr und mehr zur Gewohnheit, dass der Eine für die Reisekosten aufkommt, der andere für Unternehmungen und den vollen Kühlschrank.

Ist dies eine bewusste Entscheidung von beiden, fühlen beide sich gut damit. Viel häufiger jedoch rutschen Paare in Muster und fühlen sich schlecht damit. Da man sich aber am ersehnten Wochenende von seiner Schokoladenseite zeigen möchte, sprechen Paare in Fernbeziehungen das Thema Geld meist erst dann an, wenn das Thema zum Konfliktstoff und hoch emotional geworden ist.

Telefonieren, Simsen, Skypen, Chatten und Co.

Paare, die eine Fernbeziehung eingehen, kontaktieren sich zu Beginn sehr häufig. Dabei spielt es keine Rolle, ob eine langjährige Beziehung berufsbedingt zur Fernbeziehung wird, oder ob man sich gleich zu Beginn der Partnerschaft in eine solche begeben hat.

Diese häufigen Kontakte werden zum liebgewordenen Ritual und man gewöhnt sich daran, häufig strukturieren sie den Alltag, man begrüßt sich morgens, erzählt sich Tagsüber Kleinigkeiten und wünscht sich mindestens noch gute Nacht. Unbemerkt wird man wie süchtig nach diesen Meldungen.

Häufig beginnt einer früher als der andere, in Zeitnot zu kommen. Eine Meldung zu gewohnter Stunde bleibt aus.

Derjenige, dessen Bildschirm oder Handy nun schweigt, findet das schlimm. Meist werden dann Anrufe etc. eingefordert. Leider ist es so, dass alles was wir müssen oder sollen nicht mehr aus Freude und Leichtigkeit getan wird.

Das einstmals sehnsuchtsvoll und zärtliche sich Melden kann schnell zur Pflicht und insgeheim als Last oder sogar als Kontrolle empfunden werden.

Kommunikationskultur

Fernbeziehungen fehlt der gemeinsame Alltag. Deshalb ist es besonders wichtig, sich gegenseitig von alltäglichen Problemen und Freuden, Befindlichkeiten, Erwartungen, und Ängsten zu erzählen. Sich „mit-zu-teilen“, damit der andere an der Erlebnis- und Gefühlswelt teilhaben kann.

Dies erfordert Fingerspitzengefühl, um nicht vom Ast zum Ästchen zu kommen und andererseits den Mut, sich dem anderen anzuvertrauen.

Auch wenn man täglich telefoniert, ist es oft schwierig, die beiden Welten beim Wiedersehen zusammen zu führen. Einzelne Erlebnisse und Entwicklungen müssen zu einer gemeinsamen Erlebniswelt zusammengefügt werden. Es ist immer ein wenig ein Neuanfang.

Fernbeziehung und Lebenszeit

Große Anteile der Lebenszeit bleiben buchstäblich „auf der Strecke“. Häufig haben sich hier ein gutes Buch oder auch audio- oder visuelle Medien bewährt um die Fahrzeit nicht als verschwendete Lebenszeit zu empfinden. Oft erzählen Paare in Fernbeziehungen, dass der Umstieg vom Auto zur Bahn oder dem Flugzeug meist zwar teurer, jedoch sehr entlastend wirkten.

Fernbeziehung und soziales Umfeld

Der Lebensrhythmus eines Fernbeziehungspaares schließt oft Familie und Freunde aus. Am Wochenende möchte das Paar endlich Zeit für sich alleine haben. Nicht nur Freunde und Familie leiden unter der Fernbeziehung, sondern oft auch Hobbies. Häufig entwickeln sich drei Welten: unter der Woche ihre und seine Welt mit Freunden und Hobbies und am Wochenende die Insel Welt der Partnerschaft, welche meist die Alltagswelten völlig auszuschließen versucht.

Besuchssituation in Fernbeziehungen

Entweder lernt man sich bereits mit Distanz zwischen den Wohnorten kennen und besucht sich von Anfang an, oder die Situation beginnt mit einer gemeinsamen Wohnung. Derjenige, der zurückbleibt, verändert beinahe unmerklich die ursprünglich gemeinsame Wohnung Stück für Stück. Er räumt auf, putzt, repariert und gestaltet. Die gefühlte Verantwortung für die Wohnung wird einseitig. Plötzlich ist das Gefühl da, dass es nicht mehr die gemeinsame, sondern irgendwie die eigene Wohnung geworden ist.

Derjenige, der dann nur am Wochenende präsent ist, wird zunehmend als „Eindringling“, „Besucher“ oder im schlimmsten Fall als „haushaltliche Katastrophe“ empfunden und hingeworfene Socken, Taschen etc. werden missmutig in Kauf genommen. Auch für den Pendelnden kann das Gefühl entstehen, eigentlich nirgends so richtig Zuhause zu sein. Denn man fühlt sich als Gast in der eigenen Wohnung.

Ausnahmesituation am Wochenende

Die ganze Woche vermisst man den anderen und freut sich aufs Wochenende oder den Urlaub. Für viele Menschen in einer Fernbeziehung ist die gemeinsame Zeit wie ein Leuchtfeuer im Meer der Ereignisse.

Man lebt intensiv darauf zu. Ist der Partner dann endlich da, soll einerseits alles perfekt sein und andererseits in kurzer Zeit all das gelebt und erlebt werden, was man sonst nicht hat. Dies kann dazu führen, dass man sich wie auf einer Insel bewegt, alles stehen und liegen lässt für die Zeit mit dem Partner. Nicht nur die Wohnung ist perfekt vorbereitet, auch die Aktivitäten reihen sich häufig aneinander wie Perlen in einer Kette. Was fehlt ist meist unverplante Zeit, Zeit um einfach nur die Seele baumeln zu lassen und Dinge auf sich zukommen zu lassen.

Um die ersehnte Zeit mit dem Partner perfekt zu machen, sind Streiten oder Grundsatzgespräche zu führen natürlich zu vermeiden. Man versucht, Diskrepanzen und Ärger zu übersehen und vermeidet Auseinandersetzungen. Dadurch staut sich mit der Zeit oft einiges an. Das zeigt sich bei dem einen in Lethargie oder Resignation und bei dem anderen durch aggressive Ausbrüche.

Auseinanderleben

Getrennte Wohnungen, getrennte quantitative Lebensmittelpunkte, keine gemeinsamen Alltagsrituale und die Ausnahmesituation am Wochenende machen eine symmetrische Entwicklung der Partner schwierig. Häufig lernt man unter der Woche neue Menschen kennen und beginnt schon auch mal ein Hobby ohne den Partner.

Selbst bei Paaren mit gemeinsamem Wohnsitzt ist zu beobachten, dass es z.B. nach einer Weiterbildung ohne den Partner manchmal in der Beziehung knirscht.

Wichtigkeit der Beziehung versus Bequemlichkeit

Häufig fühlen sich Paare in Fernbeziehungen gestresst, weil eine ganze Menge Kraft, Ressourcen und Einsatz nötig ist um sie möglich zu machen. Oft entsteht ein Ungleichgewicht. Subjektiv ist bei vielen das Gefühl vorhanden, selbst mehr für die Beziehung zu tun und auch aufzugeben als der andere. Die Vermutung, man würde selbst größere Opfer für den anderen bringen nagt im Hintergrund, ausgesprochen wird das selten. Insgeheim wird aufgerechnet, wer welche Opfer für die Beziehung bringt und im Hinterkopf lauert die Befürchtung, alleine für das Gelingen der Partnerschaft verantwortlich zu sein.

Treue

Die Frage, ob und wie lange man treu sein kann und will geht wohl jedem Fernbeziehungspaar früher oder später durch den Kopf.

Daneben taucht auch die Frage auf, wie der andere zu diesem Thema steht und ob man wirklich vertrauen kann.

Teilhaben am Alltag

Alltag ist für gelingende Partnerschaften Segen und Fluch zugleich. Lebt man in verschiedenen Wohnungen, gehen viele Facetten des Miteinanders verloren. Einerseits bleibt der andere immer spannend, andererseits droht Entfremdung.

Es gibt interessante Forschungen, welche besagen, dass zusammenlebende Menschen sogar autonome Körperfunktionen synchronisieren. So neigen Studentinnen in WGs dazu, gleichzeitig ihre Regel zu bekommen. Lang zusammenlebende Paare sehen sich körperlich ähnlich. Manche in einem Raum schlafende Menschen haben sogar beinahe identische Träume.

Diese Facetten gehen in einer Fernbeziehung völlig verloren.

Woran scheitern Fernbeziehungen am häufigsten?

Aus den Klagen von Paaren in Fernbeziehungen ergibt sich eine Symphonie an Misstönen. Klagen sind meist sehr konkret aus dem Verhalten und Beobachten abgeleitet. Die Gründe des Scheiterns liegen meist tiefer und nicht messbar, sondern Vorannahmen, Werteverletzungen oder innere Muster.

Erwartungen an eine perfekte gemeinsame Zeit

Hohe Erwartungen an sich selbst, den anderen und die gemeinsame Zeit führen zu Anspannung und Stress. Die zu hoch gesetzten Erwartungen können meist nur enttäuscht werden. Die daraus entstehende Unzufriedenheit wird anfangs häufig verdrängt, durchdringt jedoch bald das gesamte Empfinden.

Sich zu viel Mühe geben

In der wenigen zur Verfügung stehenden Zeit wird versucht, alles unter zu bringen. Freunde sehen, ausgehen, alleine sein, Dinge besprechen.

Auch soll alles perfekt sein, wenn man sich endlich sieht.

Oft ist das Wochenende von Anfang bis zum Ende perfekt durchgeplant.

Auch wird häufig Streit um jeden Preis vermieden. Probleme werden ignoriert und der Harmonie wegen hinuntergeschluckt. Dies geht eine Weile gut, dann ist es wie an Weihnachten: man zankt.

Verschonen des Partners

Da die gemeinsame Zeit limitiert ist, zeigen sich Partner von ihrer Schokoladenseite. Unangenehmes wird häufig nicht zeitnah angesprochen und aus der Welt geschafft, sondern versucht zu ignorieren.

Das führ auf Dauer zu Stress und Unzufriedenheit. Die Wochenenden mit dem Partner werden anstrengend. Man beginnt Dinge einzufordern und Erwartungen zu kommunizieren. Dies führt zu Streit. Dieser kommt plötzlich. Über Erwartungen zu sprechen gehörte bislang nicht zur Kommunikationskultur des Paares und auch das Streiten wurde nie richtig geübt. So ist zu beobachten, dass Paare in Fernbeziehungen zwar lange nicht streiten, dann aber sehr heftig. Konstruktives Streiten erfordert Übung.

Eine andere Facette ist, dass Unstimmigkeiten bedrohlicher wirken als bei zusammenwohnenden Paaren. Vorzeitiges Abreisen wird häufig angedroht oder praktiziert um einen scheinbaren „Angriff“ abzuwehren. Da die Tendenz in Fernbeziehungen besteht, sich nicht konstruktiv mit Konflikten auseinander zu setzen, ist die Phase des Streitens meist der Anfang des Endes.

Alltagsgestaltung

Kernproblem sind auch die verschiedenen Rituale der Alltagsgestaltung. Diese beiden Lebenswelten prallen am Wochenende oft aufeinander

Eifersucht

Häufig sind Fernbeziehungen durch die getrennten Lebensumfelder einerseits von heftiger Eifersucht geprägt, andererseits aber auch von großem Vertrauen.

Durch die oft weiten Fahrten hat man die Gewissheit, dass der andere es wirklich ernst meint mit der Beziehung. Es werden weder Mühen noch Kosten gescheut, um bei dem anderen zu sein.

Auch durch das häufige Telefonieren, Chatten, Simsen kann große Nähe gefühlt werden. Man hat das Gefühl, am Leben des anderen teilzuhaben.

Auch sind die Vorfreude auf den anderen und der fehlende Alltagstrott sehr inspirierend für eine Beziehung.

Durch das zwangsläufige pflegen von eigenen Interessen und Freundeskreisen sind Fernbeziehungen meist weniger von Klammern und auf den anderen Fixiert Sein belastet, sodass Eifersucht im Vergleich zu anderen Beziehungen eher seltener ein Problem ist.

Menschen entwickeln sich weiter und verändern sich im Alltag unbemerkt zwar langsam, aber sicher. Sieht man den anderen eine Zeitlang nicht, dann fallen im Alltag unbemerkbare Veränderungen überdeutlich auf. Diese Veränderungen können sowohl innere Veränderungen sein, die durch eine überarbeitete Weltanschauung, Meinungsänderung in verschiedenen Themenbereichen, neuen Interessen oder auch nur das Denken neuer Gedanken. Äußere Veränderungen sind weniger subtil: das Verändern des Körpergewichts, der Frisur oder eine neue Art sich zu kleiden.

Alle Veränderungen werden in Fernbeziehungen intensiver wahrgenommen. Dies ist sowohl positiv als auch negativ.

Tritt Eifersucht aufs Feld, haben wahrgenommene Veränderungen eine unangemessen hohe Bedeutung. Das wirkt meist verheerend. Warum hast Du das gemacht? Wer hat Dir dazu geraten? Wo bist Du? Was machst Du? Wer ist dabei? Warum hast Du mich nicht angerufen? Wann kommst Du? Usw. Es kommt meist zum Beziehungsabbruch oder zu der ultimativen Frage: räumliche Nähe oder Schluss.

Zusammenziehen nach längerer Fernbeziehung… Tipps

  • Lebenswelten und Alltagsrhythmen des anderen würdigen, die eigenen kennen und respektieren.
  • Vielen Paaren fällte es leichter, sich nah in der Ferne zu sein, als dieselbe Intensivität der Kommunikation im gemeinsamen Alltag aufrecht zu erhalten. Deshalb hilft es vielen Paaren, weiterhin miteinander zu chatten oder zu telefonieren.
  • Was früher die limitierte gemeinsame Zeit betraf, betrifft jetzt das Zusammenleben. Erwartungen müssen kommuniziert werden! Paare sollten früh über ihre Vorstellungen sprechen! Darüber reden, wie man sich das Zusammenleben vorstellt.
  • Perspektiven entwickeln: wie stellen wir uns unser Zusammenleben in ca. 5 Jahren vor?
  • Auch über die eigenen Macken reden ist hilfreich. So hat der eine die Morgenmuffeligkeit des anderen unter der Woche noch gar nicht bemerkt, oder dass man nach der Arbeit erstmals Zeit für sich selbst braucht.
  • Klar strukturierte Haushaltspläne sind erleichternd! Während der früheren Besuchssituation zur Gewohnheit gewordenes muss neu verhandelt werden.
  • Freiräume zu wahren und diese ganz bewusst einzuplanen und „von Anfang an ein klein bisschen Fernbeziehung“ übrig zu lassen ist entlastend. Sonst wird genau das, was früher als „Kick“ empfunden wurde zum Alltag und verschwindet. Schon alleine getrennte Schlafzimmer oder eigene Zimmer wirken beim Zusammenziehen oft beziehungsfestigend.
  • Das Erlernen einer guten Kommunikationskultur ist unumgänglich. Probleme müssen angesprochen werden. Dies ist ein wichtiges Kriterium zum Gelingen einer Fernbeziehung im Übergang zum gemeinsamen Alltag.
  • Darüber hinaus sind Zwiegespräche nach Möller meiner Erfahrung nach sehr hilfreich, um die verschiedenen Welten und Befindlichkeiten zusammenwachsen lassen zu können.
  • Bewährt hat es sich auch, wenn beide in einer neuen Wohnung zusammenziehen. Sonst bleibt einer immer Gast.