Häusliche Gewalt und Gewaltspiralen in der Partnerschaft

Gewaltspiralen: Frau mit zugehaltenem Mund

Versteckt sich hinter der Sonnenbrille deiner Freundin Lebensfreude oder gar ein Veilchen? Gewalt in Beziehungen folgt meist einer einfachen Choreographie. Kennst du sie?

Deine Freundin Tanja trägt neuerdings häufig eine Sonnenbrille. Das sieht toll aus. Denkst du. Doch dann siehst du die überschminkten Blutergüsse in ihrem Gesicht. Sie hatte nichts von einem Unfall erwähnt. Was ist da los, fragst du dich? Nach außen hin wirken Tanja und ihr Freund total harmonisch. Kann es sein, dass da etwas nicht stimmt? Durch deinen Kopf schwirren Begriffe wie häusliche Gewalt, Gewaltspirale und Gewalt gegen Frauen.

Du wirst hellhörig und mißtrauisch. Verunsichert. Du wunderst dich, warum Tanja dir nicht erzählt, was wirklich los ist. Fragst nach. Die Geschichte vom Laternenpfosten, Küchenschrank oder der Kellertreppe nimmst du ihr nicht ab.

Du bist verwirrt. Wird Tanja geschlagen? Lügt sie dich an, hat sie Angst? Was kannst du tun? Du malst dir schlimme Szenarien aus, vermutest häusliche Gewalt.

Tanja ist weder schwach, ungeschickt oder masochistisch veranlagt. Warum hat sie ein blaues Auge? Wird sie geschlagen?

Lass uns schauen, was da los sein könnte, was Tanja tun kann und wie du ihr helfen kannst.

So findest du im Text schnell, was dich besonders interessiert:

Gewalt in der Partnerschaft: 3 Fakten

Wieviel Gewalt sich in Partnerschaften innerhalb der eigenen vier Wände abspielt, kann von außen nur erahnt werden. Wenn du in deiner Partnerschaft Gewaltspiralen ausgesetzt bist, hast du Angst. Die Hemmschwelle, dir Hilfe zu holen, ist riesig.

Oft fragen sich Betroffene, ob sie nicht übertreiben oder ihnen niemand glauben würde. Der Übergang von normalem Streit zu häuslicher Gewalt ist fließend.

Die Definition von Gewalt in Partnerschaften ist klar:

Gewalt ist das, was du als solche empfindest. Alles was dich verletzt, demütigt oder erniedrigt.

Die Fakten sprechen für sich:

1. Gewalt in Partnerschaft kommt überall vor. Das betrifft:

  • Alle Bildungs- und Einkommensschichten
  • Alle Altersgruppen, Nationalitäten, Religionen, Kulturen und sexuellen Orientierungen

2. Meist geht Gewalt in Partnerschaften von Männern aus und richtet sich gegen Frauen. Doch auch Männer können Opfer sein. Die Dunkelziffer ist hoch. Wenige wenden sich an die Polizei. Kaum ein Mann würde Anzeige ertatten, wenn er von einer Frau vergewaltigt worden ist.

3. Aus der deutschen Kriminalstatistik zu Gewalt in der Partnerschaft: 2019 waren 141.792 Menschen betroffen, rund 1027 Fälle mehr als im Vorjahr. 80% der Opfer waren weiblich. Die Hälfte davon lebte mit dem Täter im gemeinsamen Haushalt.

Hier in Berlin ist die Zahl gewalttätiger häuslicher Übergriffe im Juni 2020 um 30% gestiegen (Quelle: Berliner Gewaltschutzambulanz). Ähnlich sieht es in anderen Bundesländern aus!

Du kannst also davon ausgehen, dass das unsichere Verhalten deiner Freundin, das Sich-Zurückziehen und die als Haushaltsunfälle erklärten Verletzungen – zumindest statistisch – auf häusliche Gewalt in ihrer Partnerschaft hinweisen.

Die Auseinandersetzung miteinander in der Partnerschaft wird durch Gewaltspiralen ins Gegenteil verkehrt. Streiten kann euch vorwärts bringen, Gewalt kann nur eines: zerstören.

Die Mission des Streits

Paare, die niemals streiten, machen mir Angst.

Warum?

Streiten an und für sich ist überhaupt nichts Schlechtes! Streit soll Meinungen klären, Positionen und Grenzen aufzeigen. Wenn es gut läuft, wertet er weder ab noch gibt’s Verletzte.

Doch welches Paar kann sich schon konstruktiv streiten? Streit wird meist mit Angriffen, Beleidigungen oder Rechthaben verbunden. All dies ist zwar unangenehm, doch nicht zwingend der Beginn einer Gewaltspirale.

Der Übergang vom Streit zur Abwertung ist fließend.

Hier sind die Grenzen des wertschätzenden Umgangs miteinander überschritten:

  • Macht beanspruchen in der der Kommunikation: erhöhte Lautstärke oder den anderen nicht ausreden lassen.
  • Im Gespräch dominieren: dich lächerlich machen, übertreiben oder dich als dumm, zickig oder anderweitig minderwertig bezeichnen.
  • Strafendes Verhalten: Dein Partner kann beleidigt schmollen, statt Dinge mit dir zu klären. Er kann dich jedoch auch tagelang ignorieren. Oder dich nicht aus dem Raum lassen. Er selbst geht jederzeit – türenschlagend. Beleidigungen sitzen locker.

All das hilft nicht, euch besser kennenzulernen, zu reflektieren.

Ein guter Streit klärt den Blick. Sich gut streiten zu können, lässt euch als Paar wachsen, baut Vertrauen auf und lässt das Gefühl entstehen, sich fallenlassen zu können.

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Da die Übergänge von missratenen Streits nah an häuslicher Gewalt sind und den ersten Stufen von Gewaltspiralen ähneln, schauen wir uns das kurz an.

Wie kannst du Streit von Gewaltspiralen unterscheiden?

Auf den ersten Blick mag es dir so vorkommen, als ob sowohl Gewaltspiralen als auch Streits sich nur in der Intensität unterscheiden würden.

Wie also kannst du Streit von den ersten Stufen einer Gewaltspirale unterscheiden?

Streit:

Wenn ihr euch streitet, passiert das oft aus heiterem Himmel. Eure Gemüter erhitzen sich und bäm! explodiert der Dampfkochtopf. Wenn ihr vorab ein paar Dinge nicht geklärt hattet, fliegen die euch jetzt gleich mit um die Ohren. So ungefähr beginnen die meisten Auseinandersetzungen. Wie ihr aus der Nummer wieder herauskommt, findest du in meinem Artikel „Streit beenden“.

Streit entsteht unbewusst und will Klarheit schaffen. Dass das nicht immer nach Bilderbuch-Regeln stattfindet, ist klar.

  • Streit will klären.
  • Durch Streit setzt du Grenzen.
  • Im Streit setzt ihr euch intensiv mit euch auseinander.

Danach habt ihr etwas über euch und eure Partnerschaft verstanden, ihr seid gewachsen.

Nachdem ihr vielleicht tief Luft geholt habt, ist euer Vertrauen ineinander gestärkt und ihr fallt euch erleichtert in die Arme. Ganz anders hingegen, wenn Gewaltspiralen aktiv sind.

Gewaltspiralen in frühen Phasen:

Als Außenstehender kannst du kaum unterscheiden, ob sich deine Freundin gerade mit ihrem Partner streitet oder ob mehr dahinter steckt. Sogar die Dialoge wären ähnlich.

Doch was einen Streit von Gewaltspiralen unterscheidet, ist die Wirkung:

  • Durch Gewaltspiralen wird dein Selbstwert zerstört
  • Du fühlst dich ausgeliefert und hilflos
  • Deine eigene Meinung und Wahrnehmung ist nichts wert und du vertraust dir selbst nicht mehr
  • Du bist dir nicht sicher, ob deine Gefühle richtig sind

Du stellst dich selbst infrage. Gleichzeitig wächst die Angst, in den Augen anderer nicht bestehen zu können. Um keine Fehler zu machen, unternimmst du einiges:

  • Du wirst sehr vorsichtig; dein Leben fühlt sich wie ein Minenfeld an
  • Von anderen Menschen ziehst du dich zurück, damit es zuhause nicht noch mehr Stoff für Zoff gibt
  • Du nimmst die Meinung deines Partners an, weil du deine eigene innere Stimme nicht mehr hörst
  • Rücksicht, Vorsicht, alles recht machen wollen und dir Mühe geben sind deine neuen Vornamen

Gewaltspiralen machen dich nicht stark, sondern schwach. Sie lassen die Beziehung nicht wachsen, sondern zerstören deinen Selbstwert. Sie machen dich klein und abhängig. Also fühle gut nach, worum es bei euch geht.

Sind häusliche Gewalt und Gewaltspiralen dasselbe?

Die beiden Begriffe werden oft austauschbar verwendet. Gewaltspiralen beinhalten häusliche Gewalt.

Häusliche Gewalt gleicht meist einer Choreographie. Er schaut immer in ihr Handy und schlägt zu, wenn er etwas zu finden glaubt. Oder nach ein paar Bieren.

Gewaltspiralen sind wie ein Netz, das sich immer enger um dich wickelt. Der Einstieg ist soft, doch mit jedem erneuten Durchlauf wird es krasser. Die Auslöser kommen häufig aus heiterem Himmel.

Wo beginnt Gewalt gegen Frauen?

Gewalt ist das, was du als solche empfindest, was dich verletzt, dich demütigt oder erniedrigt. Auch ein Streit kann dich verletzen.

Doch im Gegensatz zu einem Streit geht es bei häuslicher Gewalt nur darum, dich abzuwerten. Du sollst zu deinem Peiniger/deiner Peinigerin aufschauen, seine/ihre Meinung wichtiger als deine finden und ihn oder sie niemals verlassen.

Kennst du die Metapher von den Fröschen?

Wenn du einen Frosch in einen Topf mit kochendem Wasser wirfst, springt er sofort heraus und hüpft Stinkfinger zeigend von dannen. Setzt du den Frosch allerdings ins kalte Wasser und erhitzt es langsam, stirbt das Fröschlein.

Gewalttätigkeiten in der Partnerschaft beginnen soft. Vielleicht wird dir erklärt, dass du irgend etwas nicht ganz durchdacht hast, deine Familie komisch ist, deine Freunde dir nicht guttun. Doch dein neuer Partner, deine neue Partnerin helfen dir, Dinge klar zu sehen, geregelt zu bekommen und überhaupt ein besseres Leben zu führen.

Bald stellt sich das Gefühl ein, dass sich noch nie jemand so intensiv um dich gekümmert hat. Du vernachlässigst andere Beziehungen.

Du sitzt im Topf, die Temperatur steigt.

Bald finden die ersten Übergriffe statt:

  • Sexuelle Übergriffe, du sollst seine Bedürfnisse befriedigen
  • Deine Bedürfnisse werden ignoriert, du wirst beleidigt, eingeschüchtert und gedemütigt
  • Du wirst bedroht oder eingesperrt
  • Digitale Gewalt: fertig machen in den sozialen Netzwerken oder durch Textnachrichten
  • Stalking und Ausspionieren

Bestimmt hast du nun genug Informationen, um einen Streit von Gewaltspiralen unterscheiden zu können. Lass uns einen Blick auf die Ursachen werfen.

Warum finden Gewaltspiralen statt?

Fragt man die Gewalttätigen nach ihren Motiven, dann sind immer die Opfer schuld.

Das Opfer hat:

  • provoziert
  • Eifersucht erregt
  • irgend etwas grundlegend falsch gemacht

Das Opfer sucht ebenfalls die Schuld bei sich.

Doch was sind die echten Gründe für Gewalt in der Partnerschaft?

Gewalt hat immer damit zu tun, dass Überdruck den Kessel zum Explodieren bringt.

Der Überdruck ist meist selbstgemacht.

Wie?

  • enttäuschte Erwartungen
  • Kontrollverlust
  • Eifersucht,
  • Unzufriedenheit

Fehlende Strategien, mit innerer Spannung umzugehen, führen zur Steigerung der Betriebstemperatur. Ein Prügelknabe muss her. Oder anders ausgedrückt: du musst dafür herhalten, dass dein Partner sich mies fühlt. Unterlegenheitsgefühle und Angst nähren das Feuer unter dem Kessel zusätzlich.

Warum sprechen wir von einer Gewaltspirale? Es geht nicht einfach nur bergab, Täter und Opfer drehen sich quasi im Kreis. Auf schlimme Phasen folgen wieder schönere. Deshalb haben Betroffene immer die Hoffnung, durch ihr Verhalten einen erneuten Ausbruch verhindern zu können. Leider hat diese Einschätzung oft fatale Folgen.

Was löst Gewaltspiralen aus?

Gewalttätige Partner rechtfertigen ihre Übergriffe wortreich und kreativ. Doch eins ist bei allen immer gleich: Die anderen sind schuld. Bitte zieh dir diesen Schuh nicht an!

Du erhoffst dir Geborgenheit und ein Stück heile Welt, die es in dieser Beziehung für dich nur phasenweise und nur scheinbar gibt. Verständlich.

Du fragst dich, wie diese Dynamik entstanden ist und verstehst die Welt nicht mehr. Du weißt, dass dein Verhalten seine Reaktion nicht ausreichend erklärt.

Hier die gängige Theorie, warum Menschen zu Gewalt in Partnerschaften neigen: Meist waren die Täter einmal hilflose Kinder. Selbst Opfer. Oft setzt sich die Gewaltspirale von einer Generation zur nächsten fort.

Genetische Veranlagungen sollen auch eine Rolle spielen.

Hilft es dir zu wissen, warum dir ins Gesicht geschlagen wird?

Wozu willst du das verstehen? Hilft es dir zu wissen, aus welchem psychischen Problem heraus dir ins Gesicht geschlagen oder dir das Trommelfell zerfetzt wird?

Typische Erklärungen sind:

Seine Eltern hatten es schwer, sie stritten die ganze Zeit. Irgendein Umstand war schuld daran. Deshalb hat er viel zu wenig Zuwendung bekommen und musste sogar als Kind Gewalt miterleben. Es war eine pauschal schlimme Kindheit. Benachteiligungen, fehlende Kinderstube, soziale Probleme führten zu diesem Verhalten. Bestimmt waren die Eltern bindungsgestört, narzisstisch veranlagt oder psychisch erkrankt. Er ist das eigentliche Opfer, die Umstände haben ihn geprägt. Er musste zum Gaslighter werden, um selbst zu überleben.

(blablabla ich halte mir die Ohren zu)

Wo ist denn die Selbstverantwortung und Impulskontrolle hinter solchen Rechtfertigungen? Glaubst du wirklich, das Veilchen im Gesicht deiner Freundin ist weniger schlimm, weil sich seine Eltern auch nicht im Griff hatten?

Im Alltag sind es besondere Umstände, die zum Ausbruch von Gewalt führen:

Obwohl Gewaltspiralen ihrer eigenen Dynamik folgen, gibt es Situationen, die ihren Ausbruch besonders begünstigen:

  • du äußerst Trennungsabsichten
  • ihr habt Beziehungsprobleme
  • du hast eine eigene Meinung (und wagst es, sie zu äußern – schlimmer noch: seine dadurch infrage zu stellen)
  • Überforderung (oft auch durch Kindererziehung)
  • Stress durch Arbeitslosigkeit
  • Soziale Probleme (Stress von außen)
  • nach Drogenkonsum (Alkohol reicht oft als Auslöser aus)
  • Beziehungsängste
  • Verunsicherungen
  • Bindungsprobleme
  • Corona-Stress: Existenznot, Sorgen und die Gesundheit, soziale Isolation, belastende Enge; keine Rückzugsmöglichkeiten, um sich aus dem Weg gehen zu können

Mir wird schlecht, wenn ich mir vorstelle, dass viele Frauen in einer solchen Partnerschaft stecken. Es macht mich betroffen, weil ich weiß, wie schwer es ist, von außen rechtzeitig die Notsituation zu erkennen.

So erkennst du Gewaltspiralen und häusliche Gewalt

Kennst du die zaghaften und verzweifelten Signale, die dir Betroffene senden?

Häusliche Gewalt und Gewaltspiralen spielen sich innerhalb der Partnerschaft ab. Sie finden hinter verschlossenen Türen statt und werden tabuisiert. Deshalb ist ein aufmerksames Umfeld wichtig, um Hilfe anzubieten oder je nach Situation auch zu handeln.

Gewaltspiralen erkennst du nicht zwangsläufig an der Sonnenbrille, die das Veilchen verdecken soll. Nicht immer ist die Geschichte vom Laternenpfosten, der plötzlich im Weg stand, erdichtet.

Übergriffe finden in den unterschiedlichsten Formen statt. Die meisten Misshandlungen kannst du von außen nicht sehen.

Schau genau hin! Hör genau zu! Hat sich das Verhalten einer Freundin oder Nachbarin geändert (auch – und gerade dann, wenn der Partner in der Öffentlichkeit betont fürsorglich ist). Kommt die Frau seltener aus dem Haus, zur Arbeit, zu Freunden oder zum Sport? Gibt es ständig Verletzungen, die irgendwie erklärt werden? Wirkt sie irgendwie anders? Schüchtern, unsicher, nervös, verängstigt, zurückgezogen oder auch betont lieb, genervt oder aggressiv?

Ich persönlich werde hellhörig, wenn sich jemand ungefragt für seinen Partner entschuldigt.

  • Er oder sie hätte es nicht so gemeint
  • Wäre eigentlich sonst immer lieb
  • Er oder sie regt sich zwar sehr schnell auf, hat halt Temperament, aber danach ist es wieder gut
  • Verträgt keinen Alkohol, am anderen Tag ist wieder eitel Sonnenschein

Diese Liste könnte ich gefühlte vier Kilometer lang weiterführen. Sei also wachsam, versuche den Kontakt aktiv zu pflegen und vermittle, dass du da bist, wenn deine Freundin reden will. Das ist wichtig. Doch sei dir auch im Klaren darüber, dass ungefragte Tipps von außen nicht helfen. Ganz im Gegenteil: Deine Freundin ist nicht in der Lage, sie umzusetzen. Sie wird sich von dir belehrt oder angegriffen fühlen und womöglich den Kontakt zu dir abbrechen. Dadurch wäre eine weitere Brücke aus der Gewaltbeziehung heraus abgebrochen.

So bauen sich Gewaltspiralen auf

In der Regel gibt es nicht den einen, konkreten Auslöser. Du denkst, du hast die Gewalt durch dein Verhalten provoziert?

Vergiss es.

Der Gewaltausbruch deines Partners hat in den seltensten Fällen mit dir zu tun. Du hast nichts falsch gemacht. Auch wenn dir das unterstellt wird.

Gewaltspiralen beginnen nicht mit körperlicher Gewalt, sondern lange davor.

Die Gewaltspirale entwickelt sich schleichend. Dem Schlag ins Gesicht gehen Vorzeichen voraus: Dein Partner versucht, dich zu kontrollieren und die Macht über dich zu bekommen.

Dafür musst du dich unterlegen fühlen. Das gelingt umso besser, wenn niemand von außen dazwischen funkt.

Deshalb wirst du isoliert. Deine sozialen Kontakte werden dir ausgeredet, schlecht gemacht oder verboten. Das betrifft nicht nur deine Kollegen, deine Freundinnen, sondern auch deine Familie. Alle sind bäh, doof wie Toastbrot und tun dir nicht gut, du sollt dich fernhalten.

Irgendwann wirst du kontrolliert. Eifersüchtig beobachtet. Gedemütigt.

Dahinter steckt ein schwaches Selbstwertgefühl des Gewalttäters. Oft auch Angst, verlassen zu werden. Deshalb dreht er es so, dass du diese Angst hast. Du sollst froh sein, deinen Partner nicht zu verlieren.

Im Vorfeld der Gewalt

Fassen wir zusammen. Bevor du körperlich misshandelt wirst, zieht sich das Netz schon zu.

Du wirst:

  • Isoliert
  • Klein gehalten, andere werden schlecht gemacht
  • überwacht

Bleibst du trotz dieser Umstände in der Partnerschaft und trennst dich nicht, sitzt du in der Falle. Du wirst beginnen zu hoffen, dir das Verhalten deines Partners schönreden. Zunehmend wirst du dir Mühe geben, alles richtig zu machen.

Kreislauf der Gewalt: So funktionieren Gewaltspiralen

Dein Partner hat dich also von sich eingenommen. Du gibst dir Mühe, nichts falsch zu machen. Möchtest gefallen. Hast Angst, verlassen zu werden. Hast das Gefühl, dass dein Partner gottgleich ist: Mit ihm an deiner Seite weißt du, was richtig und falsch ist. Wie das Leben geht.

Ok, das klingt übertrieben. Ist es das?

Nun wird das Netz um dich herum enger. Die ersten Zeichen der Gewalt sind vielleicht Schubsen oder Dich-beleidigen.

Doch dabei wird es nicht bleiben. Denn es ist ein Kreislauf. Gewaltspiralen haben eine feste Choreographie.

1. Phase: Spannungsaufbau

Irgend etwas verärgert deinen Partner. Das kann Stress sein. Wut oder Ärger. Meist hat das gar nichts mit dir zu tun. Er ist vorgespannt und du merkst es. Er liegt auf der Lauer, wartet ob du einen Fehler machst.

Du kannst dir soviel Mühe geben wie du willst. Der Ausbruch kommt. Vielleicht kannst du ihn kurz hinauszögern. Doch dann stellst du eine Tasse ab und der Henkel ist im falschen Winkel zu irgendwas. Und Bähm.

2. Phase: Misshandlung

Die Phase der Gewalt ist erreicht. Wie das aussieht? Das merkst du.

Es kann sein, dass du nur angeschrien wirst, vielleicht wachst du aber auch im Krankenwagen wieder auf.

Während du leidest, fühlt sich dein Partner erleichtert. Du hast ihn ja provoziert. In seinen Augen wolltest du zurechtgewiesen werden.

3. Phase: Reue und Zuwendung

Nachdem du offensichtlich misshandelt wurdest, dämmert es deinem Partner, dass er zu weit gegangen ist. Er entschuldigt sich. Trägt dich auf Händen. Schwört, dass das nie wieder passieren wird. Er erklärt dir wortreich, warum das passiert ist. Das meiste davon hat allerdings nichts mit deinem Partner zu tun:

  • der Alkohol war schuld
  • Stress auf der Arbeit
  • schwere Vergangenheit

Du wirst hofiert, bekommst Geschenke, Komplimente und jeden Wunsch von den Augen abgelesen.

Für diese Phase lebst du. Du fühlst dich wie eine Prinzessin.

Du hoffst, dass nun endlich ein neues Kapitel deiner Beziehung erreicht ist. Die schlimme Zeit ist nun vorbei, redest du dir ein. Jetzt siehst du sein echtes Gesicht. In Wahrheit ist er ein lieber Kerl. Jetzt lebt ihr endlich eure wahre Beziehung.

Mein Rat: Schreibe Tagebuch, damit du sowohl diese Phasen als auch die anderen für dich selbst dokumentierst. Verstecke es bitte gut.

4. Phase: Abschieben der Verantwortung

Ehe du dich versiehst, mischen sich in die Versöhnungsbeschwörungen Untertöne, die dich an den Pranger stellen. Zuerst wird die Schuld abgegeben, dann die Verantwortung.

  • Du hast deinen Partner überfordert
  • Gereizt
  • Provoziert
  • Mit dir kann es niemand aushalten
  • Du hast krasse Fehler

Das wirklich Schlimme: Du glaubst ihm, vielleicht nicht beim ersten Mal, doch mit jeder Wiederholung, mit jeder Ehrenrunde in der nächsten Gewaltspirale.

Das bedeutet auch, dass du es von Mal zu Mal schwerer haben wirst, dir Hilfe zu holen. Denn du glaubst, du bist schuld.

5. Phase: Schweigen

Nun wird nicht mehr über den Vorfall gesprochen. Ihr geht zum Alltag über. Doch du fühlst dich hilflos und ohnmächtig. Hast das Gefühl, auf einem Minenfeld zu tanzen.

Du wirst versuchen, Konflikte zu vermeiden. Hast das Gefühl, dass es so funktionieren kann mit euch.

Doch irgend etwas liegt schon jetzt in der Luft …

Du kannst darauf warten, dass es wieder von vorne losgeht.

Ein trauriges Fazit einer Betroffenen:

Der Frau, die er davon geprügelt hat,
der läuft er hinterher von Angst gepeinigt:
der Aufwand war so groß, sie kleinzukriegen, dass wenn sie geht, sein Lebenswerk zerstört ist.

Rosemarie Bronikowski

Ursachen und Motive der Gewalt

Von außen ist es schwer, Gewaltspiralen richtig einzuschätzen. Dein Verdacht verunsichert dich, macht dich hilflos.

Als Betroffene wirst du dich fragen, wie und warum es zu Gewaltausbrüchen kommt. Du fragst dich, ob du schuld bist. Zweifelst, ob dir geglaubt werden würde, wenn du Hilfe suchen würdest.

Vermutlich versuchst du auch, dir die Situation mit der schlimmen Kindheit deines Partners/deiner Partnerin zu erklären. Er oder sie ist ja selbst Opfer gewesen.

Er oder sie hat Angst, verlassen zu werden. Hat Angst vor der eigenen Minderwertigkeit, Unterlegenheit, Ungebildetheit, Über- oder Unterqualifikation, zu viel Stress oder was auch immer.

Weil er dich nicht verlieren will, sperrt er dich ein.

Alkohol, Medikamente oder Drogen können Wahrnehmungsstörungen, Unsicherheiten und den Verlust von Hemmungen verstärken.

Vielleicht trifft das alles auch tatsächlich zu.

Doch: ist das wichtig? Entschuldigt das Gewalt dir gegenüber?

Möchtest du dich so behandeln lassen? Dir selbst immer wieder einreden, dass er oder sie es nicht so meint?

Vermutlich nicht. Doch wahrscheinlich siehst du keinen Ausweg für dich.

Warum verlässt du deinen gewalttätigen Partner nicht?

Vorab: Weil es nicht so einfach ist.

Eine Partnerschaft geht durch die unterschiedlichsten Entwicklungsstufen. Sie lebt immer auch von Illusionen und dem, was wir in ihr sehen. Wunschdenken gibt es immer.

Wie oben beschrieben werden Gewaltspiralen entschuldigt, gerechtfertigt, bagatellisiert und erklärt.

In bestimmten Phasen der Gewaltspiralen wird die Partnerschaft als einzigartig und wunderschön erlebt. Für diese Phasen bleibst du da, schöpfst Hoffnung und redest dir ein, dass das alles nicht so schlimm ist, wie du es dir einbildest.

Dazu kommt, dass du isoliert wurdest. Damit bist du seelisch, wirtschaftlich und sozial abhängig von deinem Partner/Partnerin geworden. Dein Selbstvertrauen ist zerstört. Du glaubst nicht an dich und bist überzeugt davon, aus reiner Gnade von deinem Partner/deiner Partnerin nicht davongejagt zu werden.

Vermutlich glaubst du auch – vorgegaukelt durch die „guten“ Phasen der Gewaltspirale -, dass du dich noch mehr anstrengen musst, damit du nicht so viel Zorn erregst. Durch Schweigen, Unterwerfung oder Aufopferung versuchst du Ausbrüche zu vermeiden. Den einen oder anderen kannst du dadurch hinauszögern. Das gibt dir Hoffnung und du strengst dich noch mehr an.

Wie kannst du dich schützen

Je nachdem, welchen Misshandlungen du in deiner Partnerschaft ausgesetzt bist, sind unterschiedliche Maßnahmen hilfreich. Oft reicht eine Trennung, wenn du die Kraft dazu hast, dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Doch manchmal gießt ein Trennungsversuch erst so richtig Öl ins Feuer und du musst gut auf dich aufpassen.

Hier ist eine Liste der wichtigsten Schutzmaßnahmen für dich:

Wie kannst du Betroffenen helfen?

Schau deiner Freundin, Nachbarin oder Kollegin ins Gesicht! Nicht jede Sonnenbrille bei schlechtem Wetter ist ein Zeichen guten Stils. Nicht jedes Veilchen stammt vom Laternenpfosten.

Doch sei sehr vorsichtig. Denn deine Freundin ist vielleicht in einer gefährlichen Situation. Einerseits glaubt sie nicht daran, ihre Lage verändern zu können. Andererseits wird ihr Partner sie bestrafen, wenn er bemerkt, dass sie redet. Er wertet das als Vertrauensbruch. Auch wird er einer Trennung nicht ohne weiteres zustimmen, sondern ihr das Leben zur Hölle machen.

Biete ihr unaufdringlich aber kontinuierlich deine Hilfe an. Mach alles, um den Kontakt aufrecht zu erhalten. Zeige ihr, dass du siehst, was läuft, und versuche ihr Mut zu machen. Sei da für sie. Das ist erstmal das Wichtigste! Schon allein dadurch wird ihr Selbstwertgefühl gestärkt.

Dränge nicht zu einer Trennung. Dieser Schritt ist zu groß und schwer. Durchbrich zuerst das Schweigen. Danach kannst du versuchen, ihre soziale Isolierung aufzuheben. Erst wenn sie selbst bereit zur Trennung ist, kannst du ihr ganz konkret dabei helfen.

Sei behutsam und bleibe achtsam!

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