Unterschiedliches sexuelles Verlangen

Unterschiedliches sexuelles Verlangen. Frau leckt an Haut.

Unterschiedliches sexuelles Verlangen kann eine Partnerschaft ganz schön belasten. Was tun? David Schnarch lesen? Fang erstmal mit diesem Blogbeitrag an. Hier ist alles schön zusammengefasst.

Er will. Sie nicht. Oder anders herum. Doch nicht jedes Paar geht deshalb zum Paartherapeuten, auch wenn es deshalb vielleicht oft Streit gegeben hat. Viele kaufen das Buch „Die Psychologie sexueller Leidenschaft“ von David Schnarch. Hier geht es explizit um unterschiedliches sexuelles Verlangen. 

Ein super Buch! Es gilt als „Stand der Kunst“ in der Sexualtherapie.

Befasst du dich damit, geht es dir vielleicht wie mir: Ich stolperte zunächst über den Begriff „Selbstdifferenzierung“. Was es mit der Selbstdifferenzierung auf sich hat, erkläre ich gleich!

Eines vorab: Partner/Partnerin … ich schreibe immer Partner und hoffe, dass du dies für dich innerlich passend genderst. Sonst wird’s arg kompliziert und das Lesen fällt nicht mehr leicht.

Unterschiedliches sexuelles Verlangen und fehlende Selbstdifferenzierung

Keine sexuelle Lust zu haben oder auch nur mangelndes oder schwindendes Interesse an Sexualität, ist laut David Schnarch auf eine niedrige Selbstdifferenzierung zurückzuführen. Paare, die schon länger zusammen sind, müssten immer an ihrer Selbstdifferenzierung arbeiten. Daraus entwickelte sich der „Crucible“-Therapieansatz. Das bedeutet in etwa, dass Partnerschaften als Feuerprobe der Selbstdifferenzierungs-Fähigkeit betrachtet werden. In einer Beziehung müssen wir uns mit unseren persönlichen Baustellen beschäftigen, um selbstdifferenziert zu werden oder bleiben zu können.

Laut Schnarch gehören sexuelle Krisen zur natürlichen Entwicklungsdynamik in der Partnerschaft. Um selbstdifferenziert (da ist es wieder – das schwer zu greifende Wort!) sein zu können, musst du jedoch erstmal ein selbstbestätigendes Selbst entwickeln.

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Von der Fremdbestätigung zur Selbstbestätigung

Intimität entsteht, wenn zwei Pole sich anziehen. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn es tatsächlich zwei Pole gibt!

Es gibt Paare, in denen die Partner als Persönlichkeiten komplett unsichtbar in der Symbiose geworden sind.

Wer nicht gelernt hat, auf Fremdbestätigung zu verzichten, ist komplett von äußeren Einflüssen abhängig. Das ist fatal. Wenn der Partner einmal einen schlechten Tag haben sollte, ist man verloren. 

Kleine Kinder können noch nicht selbstdifferenzieren. Sie sind komplett auf ein bestätigendes und wohlwollendes Umfeld angewiesen, um sich wohlzufühlen. Doch wenn dieses Umfeld keine Konflikte aushalten kann und Grenzen setzt, mündet das Wohlwollen in die Entwicklung einer sozial unverträglichen Persönlichkeit.

Mit Einsetzen der Pubertät spätestens oder bereits in den Trotzphasen lernen wir Menschen, uns von der Meinung anderer unabhängig zu machen. Das bedeutet, was ich gut oder schlecht finde, obliegt fortan nur meiner eigenen Hoheit. Die Eltern verlieren ihr Mitsprache- und Mitbestimmungsrecht. Viele dieser Prozesse sind äußerst schmerzhaft und werden deshalb nicht ausreichend durchlebt. Das hat zur Folge, dass sie später wieder sichtbar werden. 

Dein Selbstwertgefühl kannst nur du selbst stärken, ebenso wie nur du selbst für dich selbst Selbst-Bestätigung entwickeln kannst.

Klassischer Therapieansatz – zum Glück aus der Mode gekommen

Masters und Johnson, aber auch Helen Singer-Kaplan und viele andere Sexualtherapeuten definieren das sexuelle Verlangen im Gegensatz zu Schnarch eher als physiologischen Trieb. Hierbei wird dem Orgasmus eine zentrale Rolle eingeräumt. Angst wird mehr oder minder als Ursache sexueller Störungen betrachtet. Stell dir vor: Einerseits sollst du heißblütig sexuelle Leidenschaft entwickeln, andererseits wirst du desensibilisierend therapiert. Oder dir wurde ein therapeutisches Sexverbot zu Steigerung deiner sexuellen Lust angeraten.  

Dann wiederum wurde der Fokus mehr auf die eigenen Empfindungen gerichtet, nach dem Motto: Wenn ich den anderen nicht mehr begehre, muss ich mich auf meine Gefühle gut konzentrieren, dann funktioniert das auch mit dem Sex wieder. Das ist in der Praxis aus vielen Gründen echter Nonsens!

Wo bleibt das Verlangen?!

Verlangen ist mehr als Sex. Es ist der Anfang von so vielem!

Erotik ist kein Gefühl, dass aus Mangel entsteht, auch nicht aus einer inneren Leere heraus.

Wie entsteht Verlangen?

Jetzt stellt sich die Frage, wie Verlangen entsteht. Das ist wichtig, wenn du unterschiedliches sexuelles Verlangen verstehen willst. Auch hier kann ich weiterführend „Intimität und Verlangen“, auch von David Schnarch, empfehlen. Verlangen, biologisch betrachtet, ist ein biochemischer Mix. Psychologische und neurowissenschaftliche Erklärungen setzen bei inneren Bildern, Triggern und dem Belohnungszentrum unseres Gehirns an. Meiner Erfahrung nach spielt auch die innere Haltung, die du zur Sexualität hast, eine große Rolle.

Verlangen ist dunkel, düster und gefährlich

Zu seiner Lust zu stehen, macht keine Freunde. Das meine ich nicht nur in Bezug auf Sexualität! Ungehemmte Freude, Leichtigkeit, spielerischer Genuss … welcher Erwachsene konnte sich das aus der Kindheit herüberretten? Menschen, die das können, machen denjenigen Angst, die vergessen haben, wie es geht.

Erklärungsmodelle wie antisexuelle Erziehung, Fremdgehen oder Scheidung der Eltern, Traumata, Fixierungen, verschiedene sexuelle Vorlieben und dergleichen reichen nicht aus, um das generelle Lust-Ausleben-In-Allen-Kontexten-Verbot vieler Erwachsener zu erklären.

Was ist Verlangen denn nun?

Hier bin ich wieder bei meinem Lehrer Schnarch: Verlangen kann verblassen, ohne dass eine körperliche Störung oder schwerwiegende Krisen in der Partnerschaft vorliegen müssen.

Für biologische Erregung einerseits gilt das auf jeden Fall! Andererseits geht Verlangen tiefer.

Gewollt und begehrt werden – ein Grundbedürfnis

In einer Partnerschaft tritt das grundlegend menschliche Bedürfnis, so gewollt, akzeptiert und begehrt zu werden, wie man ist, deutlicher hervor als in losen Begegnungen. Es ist ein Grundbedürfnis.

Diesen einen Menschen zu begehren mit allen Fasern des Seins – das ist Verlangen und geht über die rein biologische Erregung hinaus, schließt sie jedoch mit ein. Man könnte jetzt über den Unterschied einer animalischen zu einer humanistischen Herangehensweise sinnieren.

Verlangen ist etwas schon immer Dagewesenes, Durchgängiges und nicht etwas, was einzig die sexuelle Erregung ermöglicht.

Abhängigkeit und Verlangen

Wie es heißt: Das Angebot bestimmt die Nachfrage oder der Mangel den Markt?

Egal. Viele Paare erzählen mir in der Therapie, wenn das Thema Sexualität besprochen wird, dass Sie Angst hätten, vom Partner abhängig zu werden. Den anderen zu wollen, macht verletzlich. Ja! Es gibt immer einen Partner, dessen Verlangen stärker ist. Dieser ist scheinbar abhängig vom Anderen, dessen Verlangen geringer ist. Leider entstehen dadurch viele Krisen und viel Streit. Der Partner mit dem geringeren Verlangen kontrolliert nicht nur die Häufigkeit des Sex, sondern damit oft auch noch das Selbstbild des Partners. Dann beginnt ein Kreislauf: Selbstdifferenzierung findet weniger statt, man definiert sich stattdessen über die Häufigkeit, mit der man vom Partner begehrt wird.

Das ist völlig normal. Im Laufe der Zeit verändert sich das jedoch! Meist dreht sich das irgendwann komplett um.

Doch wenn jeder insgeheim vom Anderen gewollt werden will?

Wenn jeder sich hingeben möchte? Im Laufe von langen Partnerschaften nimmt dieses Gefühl zu, es wächst. Gleichzeit wächst auch das Sich-Selbst-Zurücknehmen, um durch das Verlangen nicht übergriffig oder abhängig zu werden.

Werden Druck oder eine Erwartungshaltung empfunden, wird gefordert, gemahnt, erinnert oder zu massiv verführt, dann wird das als Problemzuweisung empfunden. Oft wird das auch so ausgedrückt. Du bist schuld! Auch hier beißt sich die Katze wieder in den Schwanz. Wird unterschiedliches sexuelles Verlangen nicht akzeptiert, entsteht Stress. Druck entsteht und dieser führt zum Schwinden des sexuellen Verlangens.

„Liebe bedeutet, das Verlangen das anderen gleichwertig mit dem eigenen (aber auch nicht wichtiger als dieses) zu betrachten.“

David Schnarch

Peinlichkeit sexueller Probleme

Paare reden sehr vorsichtig über sexuelle Probleme. Selten in der ersten Sitzung. Sexuelle Probleme fühlen sich offenbar an wie Unzulänglichkeiten. Das liegt zum einen in der Natur der Sache, andererseits auch, weil der Orgasmus zum Maßstab der Sexualität gemacht wird.

Sex ist Interaktion

David Schnarch spricht gerne von dialogischem Sex. Hierfür ist Polarität notwendig, um ein Spannungsfeld aufbauen zu können. Dieses Spannungsfeld hilft dabei, eine lebendige und auf Dauer zunehmende Sexualität entwickeln zu können.

Tata! Hierfür ist der Grad der Selbstdifferenzierung beider Partner grundlegend.

Unterschiedliches sexuelles Verlangen und Selbstdifferenzierung

Zunächst einmal die Auflösung des seltsamen Begriffes Selbstdifferenzierung. Ist denn das nicht Egoismus? Sollte in einer Partnerschaft nicht Harmonie das Wichtigste sein?

Selbstdifferenzierung bedeutet nicht, dass ihr euch auseinanderdividieren oder egoistisch sein sollt! Es geht darum, die Bindung sogar drastisch zu intensivieren! Jedoch vorab musst du die eigene Position klar herausarbeiten. Dann kann aus Freiheit, frei von Druck und Projektion eine Partnerschaft wieder in die sexuelle Lust hineinwachsen.

Unterschiedliches sexuelles Verlangen kommt erst im Laufe einer längeren Beziehung ins Spiel

Die erste Phase der Lust bekommen wir gewissermaßen geschenkt. Dann binden wir uns und rutschen oftmals in eine Art Symbiose hinein. Wir werden seelisch zu Brüderchen und Schwesterchen, passen uns an. Das bedeutet, dass Sexualität aus den Resten dessen besteht, was beide nicht ablehnen. Der eine mag keinen Oralsex – OK, gestrichen. Der andere mag es nicht auf dem Küchentisch – OK, gestrichen. Irgendwann ist das sexuelle Repertoire erarbeitet. Das Einführen neuer sexueller Varianten, das Spielen, entsteht selten auf dem Reißbrett und noch viel seltener in Übereinstimmung. Einer wird sich immer überwinden müssen.

Selbstdifferenzierung bedeutet, sich selbst so gut zu kennen, dass man sich nicht fremdbestimmt fühlt, wenn der Partner andere Wünsche hat als man selbst. Es bedeutet, dass man sich nicht emotional festfährt, weil das eigene Selbst bedroht ist, sondern gelassen ausprobiert, ohne sich etwas zu vergeben oder gar selbst zu verraten.

Als Kinder haben wir noch keine Selbstdifferenzierung.

Als Kinder brauchen wir ein gespiegeltes Selbst. Der Stolz der Eltern auf ihre Kinder ist wie Nahrung! Doch ein stabiles Selbst im Erwachsenenalter sollte sich nicht mehr durch das Gemocht- oder Begehrtwerden definieren, sondern entsteht am ehesten durch innere Kämpfe oder Selbstreflektion.

Bäh laaangweilig. Arbeit an sich selbst! Mein Partner ist schuld, wenn etwas nicht klappt. Denkste.

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Also bedeutet Selbstdifferenzierung auch, sich selbst so gut und so bewusst zu kennen, dass die eigene Integrität nicht bedroht werden kann durch Kompromisse oder Versuche, die man dem Partner zuliebe macht. Selbstdifferenzierung bedeutet, dass nicht der Partner die Macht über dich hat, sondern dass du dir deiner Bedürfnisse bewusst bist, ohne den Anderen zum Erfüllungsgehilfen zu reduzieren.

„Selbstdifferenzierung heißt, auf seinen eignen Beinen zu stehen, aber nicht auf den Zehen des Partners.“

David Schnarch

Wie geht Selbstdifferenzierung?

Selbstdifferenzierung entsteht, wenn du dich selbst hinterfragst und dir bewusst ist, was dir wirklich wichtig ist. Alles, was im Grunde zu Achtsamkeitstraining gehört, ist nützlich, um den Grad der eigenen Selbstdifferenzierung zu erhöhen.

David Schnarch beschreibt Selbstdifferenzierung in seinen auf Deutsch erschienen, und sehr empfehlenswerten Büchern: 

Folgendermaßen:

1. Wir müssen ein solides und flexibles Selbst entwickeln

  • Dein Verhalten muss mit deinen Grundwerten übereinstimmen. 
  • Des weiteren solltest du daran arbeiten, dass du voraussetzt, Menschen können sich verändern. Mit deinem Partner reden hilft dabei!
  • Angst vor der Veränderung des eigenen Selbst überwinden: Sich zu verändern, bedeutet nicht, seine eigene Identität zu verlieren. 

In der Praxis und auch in meinen Kursen habe ich eine ganze Reihe Übungen, Checklisten und Schritt-für-Schritt-Anleitungen für dich entwickelt, die Spaß machen und dich schnell und nachhaltig unterstützen. 

2. Stiller Geist und ruhiges Herz

Sich selbst beruhigen zu können, ohne dass wir dafür Trost, Bestätigung oder Aufmunterung von unserem Partner brauchen. Das soll nicht heißen, dass es nicht großartig ist, füreinander da zu sein! Es heißt, dass wir emotionale Selbstheilungskräfte entwickeln sollten.

Darum geht es:

  • Selbstfürsorge
  • Selbstberuhigung
  • Emotionale Autonomie
  • Stabilität
  • Selbstregulation

Hast du dies verinnerlicht, kannst du deinen Partner aus der Verantwortung für das eigene Glück oder auch Unglück entlassen. Sämtliche Ausreden entfallen damit.

Schnarch bringt das super auf den Punkt: Er sagt, dass Partner, die sich nicht selbst regulieren können, andere kontrollieren müssten. Stabilität in einer Partnerschaft kommt nicht aus der Partnerschaft oder durch die Partnerschaft, sondern vom Individuum.

Manch eine Partnerschaft ist aus der Angst vor dem Alleinsein eingegangen worden. Wird sie nicht überwunden, entsteht eine Umwandlung dieser Angst in eine Beziehungskrise. Wenn dich das interessiert, kann ich dir die beiden deutschen Bücher von David Schnarch wärmstens empfehlen.

3. Maßvolles Reagieren

Maßvolles Reagieren heißt, dass du weder im Kampf-, Flucht-, oder Totstell-Modus bist, sondern dass du innerlich frei agieren kannst. Reagieren ist eigentlich schon eine falsche Wortwahl. Doch bleiben wir der Einfachheit halber dabei.

Maßvoll reagieren vermeidet Folgendes:

  • Überreagieren
  • Ausweichen
  • Gleichgültig sein
  • Ignorieren
  • Aussitzen 

Schnarch sagt sinngemäß: Eine Beziehung wird stabilisiert durch die paar Dinge, die man pro Tag nicht angesprochen hat. Kluger Mann. 

Hierfür finde ich wiederum den Begriff Achtsamkeit beschreibend, denn mit der Steigerung der eigenen Achtsamkeit gelingt das maßvolle Reagieren wunderbar.

4. Dranbleiben

Eine glückliche Partnerschaft zu haben, ist auf Dauer immer Arbeit. Das gilt auch für den Weg der Selbstdifferenzierung, die für eine erfüllte und lebendige Sexualität notwendig zu sein scheint. 

Das bedeutet:

  • ​Bereit sein, sich immer wieder Mühe zu geben
  • Ausdauer zu entwickeln mit sich selbst

Dieses Dranbleiben wäre genauso wie die Liebe zu unseren Kindern, die sich, laut Schnarch nur mit immer wieder auszutragenden Konflikten leben lassen würde.

Unterschiedliches sexuelles Verlangen soll durch Selbstdifferenzierung besser werden?!

Tatsächlich soll unterschiedliches sexuelles Verlangen durch Selbstdifferenzierung besser werden. Wenn du zu jeder Zeit klar hast, wer du selbst bist, welches deine wichtigsten Werte darstellen, wofür du stehst und wo deine Grenzen sind, wenn du emotional frei und gelassen bist, dich selbst beruhigen kannst und deshalb achtsam agierst, statt zu reagieren und dies immer weiter verbesserst … dann bist du selbstdifferenziert. Du empfindest keinen Druck, lässt dich nicht manipulieren, musst keine Erwartungen erfüllen und machst deinen Partner für nichts verantwortlich. Stattdessen sprichtst du frei darüber, was und wie du es dir wünschst und gehst locker und neugierig mit den Wünschen deines Partners um. So die Theorie von David Schnarch.

​Meine Erfahrung mit dem Crucible-Therapie Ansatz von David Schnarch ist vielversprechend. Natürlich ist er umfassender, als in diesem Artikel dargestellt. Doch ist der Gedanke der Selbstdifferenzierung grundlegend.

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