Affäre: wie die Suche nach Leidenschaft Leiden schafft

Zufriedene Beziehungen sind treue Beziehungen. Das wird immer beteuert. Auch in der Paartherapie. Meist von demjenigen, der fremdgegangen ist. Eine Affäre wird gerne auf eine unglückliche Beziehung zurück geführt.

Doch stimmt das? Niemand ist garantiert treu. Ich sage immer: Es gibt aktive Treue und passive Treue. Doch dazu komme ich noch.

In Affären wird extrem selten dasselbe gesucht wie in der festen Beziehung. Es ist vielmehr die Suche nach der Sehnsucht und die Suche nach dem Unterschied. Selten wird in einer Affäre das verdoppelt, was man zuhause bereits hat! Es ist immer das Andere, was uns fasziniert.

Wir alle haben immer nur Sehnsucht nach dem, was wir nicht haben. Denn nach dem Status quo brauchen wir ja keine Sehnsucht mehr zu haben.

Diese Sehnsucht ist es, was eine Affäre ausmacht. Sagst du dir und gehst fremd. Weil du schon lange keine Sehnsucht mehr auf den loyalen Partner an deiner Seite hast. Dich im Recht fühlst, dir das zu holen, was dir zuhause fehlt.

Warum kommt es zur Affäre?

Das kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Nicht Nein gesagt, hineingerutscht, verführt oder mit Absicht gesucht. Fokussieren wir uns auf die Sehnsucht.

Affäre: Zuverlässigkeit oder Leidenschaft

In der Hauptbeziehung finden wir Zuverlässigkeit, ein großes Maß an Vertrauen und viel Sicherheit. Doch genau dies ist meist zu viel an Nähe und zu viel an Bindung. Dies schmälert jede Leidenschaft!

Die Sehnsucht weicht der Sicherheit.

Die Sehnsucht soll nun der Außenpartner erfüllen. Man könnte auch sagen, dass die Außenbeziehung der Indikator der blinden Flecken innerhalb der Beziehung ist. Doch Vorsicht. Das stimmt nicht immer! Ferner nützt dieses Wissen dir als dem Betrogenen nichts, es tut dir nur weh.

Die Affäre kann jedoch auch den Kontrast bilden zwischen der bürgerlichen Fassade, dem Außenschein des Lebensstils, des Bildes, welches man der Familie, den Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen zeigen möchte… und den inneren Sehnsüchten.

Man könnte auch sagen, dass eine Außenbeziehung der fehlgeleitete Versuch ist, sowohl interne als auch innere Einseitigkeiten zu überwinden.

Fremdgehen, weil man Allergien auf den Partner entwickelt hat

Manchmal ist es auch so, dass die Faszination des Anderen zu Beginn der Beziehung später zum Verhängnis wird. So kann sich Verliebtsein an einem tiefen Verständnis der gemeinsamen Ansichten entzünden, das Entliehen jedoch den Vorwurf hervorbringen kann, dem anderen würde Leichtigkeit oder Eigenständigkeit fehlen. Genau das wird dann in der Affäre kompensiert.

Wenn du zuhause nur vegane Kost bekommst, kann es schon sein, dass du dich nach wie vor gern bewusst ernährst, manchmal aber einfach eine Currywurst futtern magst. Einseitigkeiten sind auf Dauer meistens fad.

Affäre als Ventil

Bindungund Begehrenstehen sich gegenüber. Es sind zwei völlig unterschiedliche Gefühle. Doch wird beides immer wieder gleichgesetzt. Wenn man sich mit Nähe und Distanz tiefer beschäftigt, kommt man zu dem Schluss, dass die beiden Gefühle sich gegenseitig limitieren.

Man kann primäre Beziehungen und Außenbeziehungen nicht wirklich miteinander vergleichen oder gegenüberstellen. Sonst bauen sich falsche Gegensätze auf und es wird polarisiert. Dies wird der Sache nicht gerecht und hilft keinem der Beteiligten!

Polarisierung in moralisch und unmoralisch

Wenn du fremd gehst, bist du der Übeltäter, der Böse. Du fügst deinem unschuldigen Partner heftigen Schmerz zu.

Wenn du der Betrogene bist, ist dein Partner schuld an deinem Schmerz. Du hast alle Rechte, die Opfern zu stehen: Empörung, Leiden, Mitleid und auch das Einfordern von Wiedergutmachung. Auch kannst du die Parteilichkeit aller Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn, Arbeitskollegen und von wem auch immer einfordern. Dein Partner ist ein böser Täter, der dir Schlimmes zugefügt hat.

Polarisieren in die Entscheidung: Langeweile oder Leidenschaft

Sehnsucht, Erregung, kaum die nächste Begegnung abwarten können, heftiges Begehren… Wo bleibt das in einer langen Beziehung? Und an wem liegt es, wenn diese Gefühle nicht mehr im Vordergrund stehen?

Nebenwirkung dieser Vorannahme

Wenn man davon ausgeht, dass glückliche Beziehungen treue Beziehungen sind, dann verneint man einerseits die Bindungstheorie, weist der Affäre oder Außenbeziehung andererseits jedoch automatisch die Rolle des Lückenbüßers zu.

Doch wer sich schon einmal in einer Affäre befunden hat, weiß, dass sie nicht wenig oder mehr wert ist. Es ist etwas völlig anderes. Hier geht es nicht um Bindung, nicht um Verlässlichkeit, Sicherheit, Berechenbarkeit oder darum, sich gegenseitig zu organisieren oder gar zu erziehen. Clemens schreibt in seinem Buch übers Fremdgehen, dass ein Fremdgeher nicht entscheiden kann zwischen „ schlechter Konvention und guter Leidenschaft”.

Fremdgehen kann man nur im Dreieck!

Häufig ist die Außenbeziehung wie ein freies Radikal, welches den Wert der Hauptbeziehung schlussendlich klar erkennen lässt. Doch durch das Hin- und Hergerissensein, die Zweifel und die Ambivalenz kommen die meisten darauf, was sie wirklich suchen. Welche Werte wirklich wichtig in einer Beziehung sind und mit wem sie alt werden wollen.

Leider gelingt diese Einsicht vielen Menschen nicht ohne das dramatische Ereignis des Fremdgehens. So traurig und schmerzhaft das für mindestens zwei der Betroffenen ist.

Affäre: weg vom Partner oder Appell an ihn?

Eine Affäre kann entweder eine Abwendung vom Partner bedeuten oder auch ein Appell an ihn sein. Ist die Affäre ein Appell, soll der Partner verstehen, was man vermisst und sucht. In diesem Fall ist das Zurückgehen zum Partner nicht ganz so schwer.

Wenn du mitten in einer Affäre steckst oder betrogen worden bist, macht es meiner Erfahrung nach keinen Sinn, in irgendwelchen Polaritäten zu denken. Deine Partnerschaft und die Affäre sind zwei unvergleichbar verschiedene Dinge. Es geht darum, ein inneres Defizit äußerlich zu kompensieren. Wenn du mit deiner inneren Sehnsucht nicht klarkommst, suchst du die im Außen.

Wenn du in einer Einseitigkeit innerhalb der Beziehung gefangen bist, dann solltest du dich fragen, ob nicht auch das eine Einseitigkeit ist, die sich von deinem Inneren aus nach Außen spiegelt.

Affären sind entweder auf ein offenes Beziehungskonzept zurück zu führen, auf das Fehlen des Wertes der Treue, oder ein Substitut oder Fastfood. Man hat nicht gelernt, an der Beziehung konstruktiv zu arbeiten. Dies fängt- wie immer- mit der Beziehung zu sich selbst an…

Affäre entdeckt: der Teufelskreis beginnt

Nach dem Bekanntwerden des Fremdgehens beginnt ein Ritt durch die Hölle. Was du als Betrogener vermutlich durchmachst, findest du im Artikel „Leiden wegen Seitensprung“. Was du allerdings vermeiden solltest, ist die ewige Fragerei.

Der Betrogene

Nach dem Fremdgehen ist der Betrogene voller Fragen. Jede einzelne von ihnen hat eine gefühlte existenzielle Bedeutung

  • Liebst du mich noch?
  • Was habe ich falsch gemacht?
  • Kann es mit uns weitergehen?
  • können wir das überhaupt überwinden? Und wenn ja, wie?

Auch quälen die Fragen, welche Bedeutung die Außenbeziehung hatte und womöglich immer noch hat und wie es überhaupt dazu kommen konnte.

Affäre entdeckt: erstmal keine Kurzschlussreaktion!

Was gerettet werden kann, wird erst sehr viel später überlegt.

Sämtliche zuvor tragenden Werte der Beziehung sind erstmal aufs Tiefste erschüttert. Alles wird infrage gestellt. Zuvor getroffene Vereinbarungen, das Vertrauen und alles, worauf man sich verlassen hat, bricht plötzlich auseinander.

Die logischste aller Konsequenz in dieser Phase scheint ein Auszug oder eine Trennung zu sein.

Der Untreue

Der untreue Partner jedoch stellt sich diese Fragen nur in den aller seltensten Fällen! Er (wie immer beide Geschlechter) ist verliebt, die Hormone spielen verrückt, der Gehirnstoffwechsel auch.

Dieser Partner ist in einem völlig anderen Betriebszustand als der Betrogene. Er ist euphorisiert und im Hochgefühl, stellt keine Fragen. Will nur leben! Doch genau an dieser Stelle wirft sich ihm der betrogene Partner in den Weg.

Dies ist in keinem Fall die beste Strategie, um deinen untreuen Partner zu „bekehren“! Die Beziehung kann so nicht gerettet werden! Nie!

Doch wer mag schon von Strategien reden, wenn dein Herz blutet?

Quälende Fragen

Die Fragen des Betrogenen kommen mit einer Dringlichkeit, die nach sofortiger Beantwortung schreit! Nach Antworten, die der Betrüger gar nicht geben kann! Er ist in der Defensive. Schweigt, lügt oder wird aggressiv.

Doch der Betrogene sucht immer und immer wieder das Gespräch, weil er meint, dies zur Überwindung der eigenen schrecklichen Gefühle zu brauchen.

Bekommt er Antworten, ist dies meistens nur fatales Futter fürs Kopfkino.

Der untreue Partner ist vor allem durch sein schlechtes Gewissen geplagt. Das ist eine sehr ungemütliche Position, auch weil er sich ständig rechtfertigen muss. Deshalb wird das Gespräch mehr und mehr gemieden.

Immer mehr Bedürftigkeit einerseits und Vermeidung andererseits bauen sich auf.

Auch diese Dynamik jenseits des Betrügens zerstört eine Beziehung.

Die Wahrnehmung des Betrogenen ist von Angst geprägt

Von überall her droht Gefahr. Es gibt so vieles, was im Umfeld die Teufelskreise der Gedankenkarusselle in Gang setzen kann.

Angst betrifft auch die Zukunft, welche plötzlich nicht mehr so planbar und sicher ist wie zuvor. Auch darüber, wie die Bedeutung der Affäre einzuschätzen sei.

  • Wie konnte ich so blind sein? Was habe ich nicht gesehen?
  • Was habe ich falsch gemacht?
  • Wurde ich absichtlich hinters Licht geführt?
  • Wurde ich mit Absicht so verletzt?
  • Bin ich als Mann oder Frau nichts wert?
  • Werde ich alles verlieren?
  • Werde ich jemals wieder glücklich sein?
  • Kann ich der gemeinsamen Geschichte vertrauen, oder gibt‘s auch dort bereits Lügen?

Oft tauchen auch lang zurückliegende Begebenheiten oder Bemerkungen auf, die plötzlich in einem anderen Licht erscheinen. Diese stellt du dann stark infrage und deutest alles als Zeichen, an denen du eigentlich frühzeitig den Anfang vom Ende hättest sehen können.

Affären: Die Lösung des Einen ist das Problem des Anderen

Der untreue Partner hat nicht die Außenbeziehung und deren Bedeutung als Hauptproblem, sondern die Reaktion des Partners! Er sieht sich mit der peinigenden Suche nach Erklärungen konfrontiert und auch mit der Suche nach Bedeutung, die es für ihn gar nie gab.

Da er der Täter ist, versucht er es mit Schadensbegrenzung. Er will keine weiteren Verletzungen hinzufügen und möchte den Schmerz so klein wie möglich halten.

Häufig will er nicht nur helfen, sondern auch sich selbst aus dem Schlachtfeld retten. Deshalb wird die mögliche Bedeutung herunter gespielt oder es wird auch geschwindelt und gelogen. Das Ausmaß des Fremdgehens wird bagatellisiert, Zeiten werden verkürzt und die Fakten äußerst selten komplett auf den Tisch gelegt.

Doch genau dies ist der Startschuss für eine neue Dynamik. Je mehr der untreue Partner den Ball flach halten will, umso misstrauischer wird der andere Partner.

Der Betrogene hört nämlich genau das, was nicht gesagt wird! 

Gültig ist die Dynamik allerdings auch anders herum: Je skeptischer und penetranter nachgefragt wird, umso mehr nach Beweisen gesucht wird, umso mehr wird herunter gespielt.

Somit wird der Lösungsversuch des einen zum Problem des anderen!

Der Betrogene ist im Kreislauf des Misstrauens gefangen

Durch die Fragerei verlangt er im Grunde Beweise dafür, dem Partner vertrauen zu können. Um dem Partner aber glauben zu können, müsste man ihm allerdings bereits vertrauen! Hier liegt der Fehler.

Ob ich jemandem vertraue oder nicht, entscheide alleine ich.

Anders wäre die Situation, wenn man Beweise hätte. Dann würde man etwas wissen. Wenn ich etwas sicher weiß, brauche ich nicht zu vertrauen.

Doch beim Fremdgehen kann man keine Beweise für das Nichtfremdgehen finden… man findet höchstens Beweise, die gegen das Vertrauen sprechen. Das liegt in der Natur der Sache. Wenn ich keinen Beweis finden kann, habe ich eben keinen Beweis. Somit ist nicht bewiesen, dass der andere treu ist.

Die Vertrauensfrage kommt immer dann ins Spiel, wenn man nicht alles wissen kann. Das ist die innere Logik, welche nach dem Bekanntwerden einer Affäre einsetzt.

Diese Teufelskreise sind schrecklich und rauben Kraft, den Schlaf, die gute Laune und zerstören oft auch die Beziehung.

Doch sie sind nicht völlig unnütz. Nebenbei wird um die Bindung gerungen und um die Autonomie und den eigenen Wert gekämpft.

In diesen Konfliktgesprächen wird auch mitverhandelt, inwieweit die Partner nicht nur Partner füreinander sind, sondern inwieweit sie sich als autonome Wesen gemeinsam mit dem anderen identifizieren.

Früher oder später kommt hinter diesen sich wiederholenden mühsamen Gesprächen eine andere Ebene ans Licht. Diese ist von der Sehnsucht geleitet ist, die eigene Beziehung wieder richtig gut zu führen.

Unmaskiert.

Ohne Ausrede.

Mit offenem Visier.

Jetzt kann darüber geredet werden, welche Werte stabilisierend sind, welche im Argen liegen und um welche man sich gemeinsam kümmern mag. Jeder für sich, beide gemeinsam.

Doch nach den ersten Wochen nach dem Bekanntwerden der Affäre liegt das noch in den weiten Nebeln der Zukunft verborgen. Dies offenbart sich erst sehr viel später. Der Gang durch das Tal des Schmerzes bleibt niemandem in dieser Situation erspart.

Wenn du derjenige bist, der betrogen hat, kannst du später darüber sprechen, warum du dich wirklich auf eine andere Person eingelassen hast. Welche Sehnsucht und Hoffnung dich geleitet hat. Wenn du dies ohne Schönfärberei machst, dann bewegt ihr euch in eine neue Ebene der Partnerschaft.

Es gibt Menschen, die passiv treu sind. Sie haben keine Sehnsucht, keine Träume und oft auch keine Gelegenheit, etwas „anzustellen“. Es fällt nicht schwer, treu zu sein, weil kein Verlangen da ist. Aktive Treue hingegen ist beinahe eine Kulturtat. Wenn du dich dafür entscheidest, verpflichtest du dich dafür, an dir selbst und  deiner Beziehung zu arbeiten und zu wachsten, statt auszuweichen.