Allein sein wollen: in vielen Beziehungen ein Problem

Jede Partnerschaft besteht aus zwei Polen: Nähe und Distanz

Der Wunsch nach Nähe ist Voraussetzung, um sich auf eine Partnerschaft einlassen zu können. Das Bedürfnis nach Distanz ist im Sinne von “zu sich selbst finden”, “sich selbst differenzieren” gemeint. Dies ist jedoch oft gar nicht gesellschaftsfähig und entzieht sich dem Bewußtsein. Manchmal gehen die Wege eines Paares aus diesem Grund sogar auseinander! Deshalb will ich hier näher darauf eingehen.

Partner schwanken oft zwischen dem Bedürfnis nach Alleine sein und dem Wunsch nach Geselligkeit. Wie der Psychologe Dr. Moustakas schreibt finde auch ich, dass bestimmte Selbsterkenntnisse nur durch Nachdenken, Selbstkonfrontation und innere Versenkung möglich sind. Manchmal ist es nötig, alleine zu sein. Nur wenn Menschen alleine sind, können sie Kräfte sammeln, indem sie über sich selbst nachdenken. Das stärkt das Zusammenleben mit anderen Menschen. Gleichzeitig ist der wichtigste Weg zur Entwicklung der Persönlichkeit unsere Beziehung zu anderen Menschen.

Ab und zu ist Allein sein wollen wichtig

Nach einem anstrengenden Arbeitstag ist eine kurze Zeitspanne des Alleinseins für viele Menschen besonders kostbar. Häufig versteht dies der Partner jedoch nicht und rückt einem dann auf die Pelle, bombardiert mit den Neuigkeiten des Tages, mit Dingen des Haushaltes, der Urlaubsplanung oder gar mit Vorwürfen…

So kommt es statt der gewünschten Erholung oft zu einer Auseinandersetzung. Das eigentliche Bedürfnis alleine sein zu wollen wird nicht klar wahrgenommen und somit auch nicht klar formuliert werden kann.

Hätten beide Partner Verständnis nach dem Bedürfnis ab und zu alleine zu sein, braucht sich auch keiner beiseite geschoben oder ignoriert fühlen.

Lieber eigene Bedürfnisse ignorieren, als zum Wunsch nach Allein sein wollen zu stehen

Leider erkennen wenige Paare, dass sie auch gelegentlich Abstand voneinander brauchen. Auf Dauer führt das Ignorieren dieses Bedürfnisses zu der Entstehung eines Staus, der sich nicht selten in Aggressionen entlädt. Das tangiert dann leider meistens auch andere Bereiche der Beziehung. Manche Paare bekommen dadurch  regelrechte Allergien auf den anderen.

Viele Konflikte entstehen aus einer selbstauferlegten Verpflichtung, sich den Menschen, mit denen man zusammenlebt, immer ganz zu geben. Das kann man als eine Verleugnung der eigenen Persönlichkeit und des Bedürfnisses nach Selbsterneuerung betrachten.
Auch die meist unausgesprochene Forderung, dass der Partner ständig zur Verfügung zu stehen habe, hemmt den Partner an seiner Weiterentwicklung und ist darüber hinaus auch ein Übergriff. Manche Menschen rutsch sogar in ein Burnout, wenn sie sich keine Zeit der Selbstdifferenzierung zugestehen.

Alleine sein hat nichts miteinander meiden oder sich aus dem Weg zu gehen zu tun!

Allein sein wollen pflegt die Beziehung!

So paradox es klingt: Menschen, die ihr Bedürfnis in einer Partnerschaft nach Alleinsein befriedigen können, verspüren selten den Drang, aus dieser Partnerschaft zu fliehen. Wenn jeder Partner das Bedürfnis nach Alleinsein bei sich selbst wahrnimmt und beim anderen akzeptiert, können beide ein Gefühl der Unabhängigkeit entwickeln. Daraus resultiert eine gestärkte Partnerschaft durch die gereifte persönliche Entwicklung.

Dem anderen das Recht auf Alleinsein zuzugestehen ist anfangs komisch und ungewohnt. Die Zeit, in der man dadurch selbst alleine ist, scheint manchmal nicht enden zu wollen. Dennoch ist das eigene Alleinsein wichtig! Wer sich selbst nicht aushalten kann, sollte es dringend lernen. Denn wer es mit sich alleine schafft, schafft es auch mit einem Partner 😉

Weiter Interessant:

Nähe und Distanz in Beziehungen

Nähe in Beziehungen: der Nähe Pol

Distanz in Beziehungen: der Distanz Pol

Angst vor Ablehnung

Präventive Paartherapie

Angst vor Nähe – reicht mehr Mühe geben?

Einsamkeit- alleine einsam sein?